Leute haltet zusammen – steht auf gegen rechts! 

Demonstration gegen die AfD in Idar-Oberstein

Unter dem Motto „Gegen die AfD in Idar-Oberstein – solidarisch gegen Hass und Hetze“ fand am 11. November 23 eine Mahnwache statt, an der sich etwa 120 Demonstrierende beteiligten. Anlass war das Jubiläum der AfD im Kreis Birkenfeld, die ihr 10jähriges Bestehen mit den Chefideologinnen Beatrix von Storch und Erika Steinbach als Rednerinnen feierte. Wir OMAS in Idar-Oberstein reihten uns solidarisch ein bei den GRÜNEN, den Linken, der SPD, dem Demokratischen Netzwerk Hunsrück-Hochwald und vielen anderen Aktivistinnen und Aktivisten gegen rechts. Kerstin Bernhardt von den OMAS bedankte sich bei Joachim Ehlert für die Organisation und bei allen Teilnehmenden – sie zeigten damit, dass das 10jährige Jubiläum der AfD kein Grund zum Feiern sei: „Schon 2 Jahre nach der AfD Gründung waren Idar-Obersteiner dabei diese unsägliche Partei zu unterstützen und damit schreckliche Fehler zu wiederholen.“ 
Kerstin Bernhardt nahm einen geschichtlichen Rückblick vor: „1925 entstand in Oberstein die erste NSDAP-Ortsgruppe, 1931 erhielt die NSDAP bei der letzten freien Gemeinderatswahl in Idar-Tiefenstein mehr als 60% der Wählerstimmen, 6 Monate später stand Hitler selbst auf dem Obersteiner Klotzberg und wurde von einer großen Menge bejubelt. Kurz darauf erzielte die NSDAP einen Gesamtstimmenanteil von 48,3 % in Deutschland. In Idar wurde umgehend die Hakenkreuzfahne am Rathaus gehisst; mit großen Aufmärschen der NSDAP wurde der Wahlsieg gefeiert. Am 1. April 1933 wurde der Aufruf der Nationalsozialisten zum Boykott jüdischer Geschäfte in Idar und Oberstein umgesetzt. Als in der Reichspogromnacht 1938 landesweit der Mob wütete, wurden auch hier jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger in ihren Häusern überfallen und misshandelt, die Synagoge wurde abgebrannt. Durch die Bevölkerung ging kein Aufschrei! Nur ganz vereinzelte Stimmen wandten sich gegen die brutalen Überfälle, die Mehrheit genoss den neuen Status als Garnisonsstadt und den Nutzen, der mit der Verbesserung der Infrastruktur einherging. Die Inhaber von Schmuck- und Metallbetrieben freuten sich über volle Auftragsbücher durch große Bestellungen an Orden und Medaillen, jüdische Geschäftskonkurrenten waren nun „außer Gefecht gesetzt“. Mit dem Beginn des Krieges boomte die Nachfrage von kriegswichtigem Material, wie Patronenhülsen. Zudem kamen die stattlichen Privat- und Geschäftsgebäude jüdischer Edelsteinhändler, die emigrierten oder „verschwanden“, in die Hände der nichtjüdischen Geschäftswelt.  Also: „in Idar-Oberstein war doch alles bestens“ – so die Wahrnehmung des übergroßen Teils der Bevölkerung. 
Kommen wir zurück in die Gegenwart: In dieser Woche wurde die AfD Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Der Shitstorm ist riesig – jedoch weht er nicht wie erhofft in Richtung AfD. Wie auch in Thüringer steigt die Zahl von deren Anhänger:innen kontinuierlich an. Viele der bisher unentschiedenen Wähler:innen oder Nichtwähler:innnen nehmen die Parole ‚Jetzt erst recht AfD!‘ auf, dies verbunden mit der Vorstellung, die Einstufung des Verfassungsschutzes sei eine Verschwörung gegen das deutsche Volk. Die Ergebnisse der letzten Wahlumfragen sind erschütternd. Aktuell würden 34 % der Wähler:innen in Thüringen der AfD ihre Stimme geben, diese wäre damit stärkste Kraft vor der CDU mit 22 %. In anderen Bundesländern sieht es nicht besser aus. Auch in Baden-Württemberg und im Saarland können sich über 20 % der Wähler Nazis an der Macht vorstellen. 
Ich bin Jahrgang 1962. Meine Eltern wurden im Krieg geboren, ein Großvater starb in russischer Gefangenschaft. Als Kind sind mir viele sogenannte Kriegsversehrte begegnet, bei deren erschreckendem Anblick suchte ich eine Antwort, aber: ‚über den Krieg spricht man nicht, erst recht nicht mit Kindern‘. Bei ausgelassenen Feiern wurden hinter vorgehaltener Hand Witze über Juden gemacht. Aber: ‚was waren Juden?‘ Auch darüber sollte und wollte man nach Möglichkeit nicht sprechen. Erst Anfang der 1970er Jahre, als ich Schülerin am hiesigen Göttenbach-Gymnasium war, wurden meine Fragen beantwortet. Wir waren die ersten Jahrgänge bei denen das Thema Holocaust im Lehrplan stand. Ich war schockiert, als ich die Fotos von KZ-Häftlingen, Gaskammern und Leichenbergen sah. Wir lernten viel über die Demokratie und ich war froh, in eine solche geboren zu sein. Ich fühlte mich sicher, und das noch für eine lange Zeit, denn ich war der Überzeugung, dass sich ein solcher Wahnsinn niemals wiederholen würde, es schien mir absolut ausgeschlossen. 
Ich stehe heute hier an dem Ort, an dem ich zur Schule ging. Mittlerweile bin ich Mutter von fünf erwachsenen Kindern und habe vier wundervolle Enkelkinder – und ich fühle mich heute nicht mehr sicher. Ich mache mir große Sorgen um unsere Demokratie. Es ist fast unerträglich, dass dort drüben, in den Räumen, in denen lange Jahre die Demokratie und ein „Nie wieder“ gelehrt wurden, nun eine Beatrix von Storch am Rednerpult steht und eine neue Nazi-Partei ihr 10jähriges Jubiläum feiert.

*Rede v. Kerstin Bernhardt OgR Idar Oberstein